Nachlese: Fachexkursion „Klimafit bauen mit Holz & Leerstandssanierung“

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Bei bestem Frühlingswetter machte sich am 27. April 2026 eine Gruppe aus Bürgermeister:innen, Gemeindemitarbeiter:innen und Regionalentwickler:innen gemeinsam auf den Weg in den Bezirk Rohrbach. Ziel der Fachexkursion war es, konkrete Good-Practice-Beispiele für klimafitte Ortsentwicklung, Holzbau und Leerstandsnachnutzung kennenzulernen und gemeinsam über zukunftsfähige Wege der Gemeindeentwicklung zu diskutieren.

Bereits während der Anreise wurde die neu entwickelte Bauwerber:innen-Mappe der KLAR! Mühlviertler Alm inklusive Holzbaubroschüre der LEADER-Region an die Teilnehmer:innen verteilt. Die Exkursion bildete damit zugleich den Abschluss der KLAR!-Maßnahme „Klimafit Bauen & Sanieren“. In den kommenden Wochen wird die Mappe in den Gemeinden aufgelegt und im Rahmen persönlicher Gespräche mit Gemeindemitarbeiter:innen vorgestellt.


MARKTGEMEINDE  ST. MARTIN IM MÜHLKREIS

Innenentwicklung mit klarer Strategie

Erster Halt war der neu gestaltete Marktplatz der Marktgemeinde St. Martin im Mühlkreis. Empfangen wurde die Gruppe mit einem kleinen Frühstück im neuen Veranstaltungssaal, bevor Bürgermeister Manfred Lanzersdorfer einen umfassenden Einblick in die Entwicklung der Gemeinde gab.

Anhand von Karten, Plänen und konkreten Zahlen wurde sichtbar, wie konsequent St. Martin seit Jahren auf Innenentwicklung und Ortskernstärkung setzt. Der Startschuss dafür fiel bereits 2014 mit dem Abriss eines alten Hofes im Zentrum – eine Entscheidung, die neue Entwicklungsmöglichkeiten im Ortskern geschaffen hat.

Seither entstanden zahlreiche Projekte:

  • ein neu gestalteter Marktplatz
  • eine Bäckerei mit regionalem Genussladen
  • ein Veranstaltungssaal als Treffpunkt im Zentrum
  • das neue Raiffeisenbank-Gebäude mit Pfarrzentrum und Musikheim
  • weitere laufende Projekte wie die Umnutzung eines alten Wirtshauses und der Umbau des Spar-Marktes

Die Beispiele zeigen eindrucksvoll, wie durch gezielte Investitionen Lebensqualität, Nahversorgung und Begegnungsräume im Zentrum neu geschaffen und gestärkt werden können.

Bildungscampus: Holzbau als Investition in die Zukunft

Ein weiterer Schwerpunkt war der neue Bildungscampus der Gemeinde. In moderner Holz-Hybridbauweise wurden Volksschule, Musikschule und Sportinfrastruktur an die bestehende Mittelschule angebunden.

Trotz der Herausforderungen während der Corona-Jahre entstand ein zukunftsweisendes Bildungsprojekt mit:

  • angenehmer Raumatmosphäre durch den Holzbau
  • gemeinsamer Schulausspeisung
  • moderner Mehrzweckhalle und Sportinfrastruktur
  • neuen Außenanlagen für die drei Bildungseinrichtungen

Der Einsatz von Holz als regionalem, nachwachsendem Baustoff zeigt dabei beispielhaft, wie Klimaschutz, regionale Wertschöpfung und hohe Aufenthaltsqualität zusammenwirken können.

Als nächster Schritt steht bereits die Sanierung des zweiten, älteren Traktes der Mittelschule an – ein weiteres klares Bekenntnis zur Entwicklung im Bestand.

„Keine Schule mehr“: Leerstand neu gedacht

Zurück im Ortszentrum führte der Weg zur ehemaligen Volksschule – heute ein eindrucksvolles Beispiel für gelungene Nachnutzung.

Gemeinsam mit Otto Plappart und Gerald Ornetzeder erhielten die Teilnehmer:innen Einblicke in das Projekt „Keine Schule mehr“. Schon beim Betreten wurde schnell klar: Hier erinnert zwar vieles an die eigene Schulzeit, doch der ehemalige Schulstandort wurde vollständig neu gedacht.

Übergangsweise befindet sich aktuell sogar der Schalter der Sparkasse im Erdgeschoss, bis dieser in den Neubau des Eurospar übersiedelt. Vom ehemaligen Putzkammerl bis zum Turnsaal entstanden unterschiedlichste Nutzungen – insgesamt öffnen 77 Türen den Raum für neue Möglichkeiten, künftig auch mit einem Fitnessstudio im Gebäude.

Das Projekt zeigt eindrucksvoll, welches Potenzial in bestehenden Gebäuden steckt, wenn Nutzung, Lage und Struktur neu gedacht werden. Gerade im Hinblick auf Klimawandelanpassung bedeutet dies:
➡️ bestehende Gebäude weiterentwickeln statt neue Flächen zu versiegeln.


ORTSCHAFT PLÖCKING

Aufwertung durch Engagement und Holzbau

Ein kurzer Zwischenstopp führte die Gruppe nach Plöcking, einer ehemaligen Arbeitersiedlung außerhalb von St. Martin. Otto Plappart schilderte die Geschichte des Ortes, der durch den angrenzenden Steinbruch rasch gewachsen war und lange Zeit mit geringen Siedlungsstrukturen zu kämpfen hatte.

Durch die Initiative der Gemeinde und engagierter Bewohner:innen wurde die Siedlung schrittweise aufgewertet. Besonders hervorzuheben ist der erste mehrgeschossige Wohnbau in Holzbauweise in Oberösterreich – kombiniert mit einer eigenen Hackschnitzel-Heizung.

Auch der Verein „Plöcking 2000“ engagiert sich bis heute aktiv für die Weiterentwicklung des Ortsteils und zeigt, wie wichtig lokale Initiativen für lebenswerte Gemeinden sind.


MARKTGEMEINDE NEUFELDEN

Dynacenter als Vorzeigebeispiel

Nächster Halt war die Marktgemeinde Neufelden und das dort entstandene Dynacenter. Geschäftsführer Fritz Agfalterer erkannte frühzeitig, dass der bestehende Tischlereibetrieb nicht weitergeführt werden würde – und entschied sich bewusst dafür, die Entwicklung aktiv zu gestalten.

Aus dem ehemaligen Gewerbebetrieb entstand gemeinsam mit Partnerbetrieben ein modernes Multifunktionsgebäude mit rund 3.300 m² Fläche auf mehreren Ebenen. Heute finden dort Büros, Gesundheitsangebote, Dienstleistungen und Handwerksbetriebe Platz.

Das Projekt zeigt beispielhaft:

  • Revitalisierung statt Neubau
  • ressourcenschonende Weiterentwicklung bestehender Gebäude
  • energieeffiziente Infrastruktur mit PV-Anlage, Wärmerückgewinnung und moderner Gebäudetechnik
  • neue Arbeits- und Dienstleistungsangebote mitten im Ortszentrum

Für diesen flächenschonenden Ansatz wurde das Dynacenter bereits mit dem Erdreichpreis ausgezeichnet.

Auch das Musikheim wurde in die neuen Räumlichkeiten integriert – ein weiterer wichtiger Beitrag zur Belebung des Ortskerns.

Hartlschusterhaus: Kleine Nutzungen mit großer Wirkung

Den Abschluss bildete das Hartlschusterhaus im Zentrum von Neufelden. Die ehemals als Schuster genutzten Werkstätten beherbergen heute die Werkstatt eines Gold- und Eisenschmieds samt Schauraum. Vor Ort erhielten die Teilnehmer:innen Einblicke in das Handwerk und die entstandenen Kunstwerke.

Im Obergeschoss entstand zudem eine völlig neue Nutzung: Eigentümer Gerald Ornetzeder hat die alten Gemäuer liebevoll zu einem rbnb – einer mietbaren Übernachtungsmöglichkeit – ausgestaltet. Damit zeigt das Projekt, dass auch urbane Ideen in historischen Gebäuden ihren Platz finden können.

Im gemeinsamen Austausch wurde nochmals die enorme Bedeutung lebendiger Ortskerne hervorgehoben. Gleichzeitig wurde deutlich, wie herausfordernd die Entwicklung vieler Gemeinden geworden ist: Infrastruktur und Nahversorgung wandern zunehmend an die Ortsränder ab. Gerade deshalb braucht es frühzeitige und bewusste Entscheidungen für Innenentwicklung, kurze Wege und bestehende Strukturen. Denn Entwicklungen am Ortsrand lassen sich später oft nur schwer wieder umkehren.


INNENENTWICKLUNG ALS SCHLÜSSEL KLIMAFITTER GEMEINDEN

Die Exkursion machte deutlich:
Nicht das Alter eines Gebäudes ist entscheidend, sondern seine Lage und zukünftige Nutzung. Holzbau, Sanierung und Innenentwicklung leisten damit einen wichtigen Beitrag sowohl zum Klimaschutz als auch zur Klimawandelanpassung.

Durch die Nachnutzung bestehender Gebäude können:

  • Flächenverbrauch und Versiegelung reduziert
  • Ortskerne gestärkt
  • Ressourcen geschont
  • regionale Wertschöpfung gefördert
  • und Gemeinden langfristig klimafit weiterentwickelt werden.

Mit vielen Eindrücken, Ideen und neuen Perspektiven kehrten die Teilnehmer:innen zurück – mit dem gemeinsamen Ziel, lebendige Ortszentren aktiv weiterzuentwickeln.

🙏 Ein herzliches Dankeschön an alle Gastgeber:innen für die offenen Einblicke, die wertvollen Erfahrungen und den intensiven fachlichen Austausch.